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  • Birgit Fuß

FUSSNOTEN

Aktualisiert: Apr 13

Jedes Sandwich genießen: Warren Zevon „The Wind“

Wahrscheinlich gibt es kaum einen Menschen, der sich nicht schon diese Frage gestellt hat: Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich nur noch kurz zu leben habe? Seit mein Liebster gestorben ist, frage ich mich das viel häufiger als früher, und gleichzeitig weiß ich, dass die Antwort sicher eine andere ist, wenn aus der Theorie Wirklichkeit wird. Weil dann Komponenten mitspielen wie: Wie viel Kraft habe ich noch? Was kann ich überhaupt noch tun? Deshalb versuche ich jetzt schon, möglichst nicht zu viel unerledigt zu lassen, und damit meine ich nicht Arbeit. Was habe ich mit anderen Menschen zu klären, was will ich wem unbedingt noch mitteilen? Das meiste davon könnten und sollten wir schon angehen, solange wir gesund und voller Energie sind. Wir schieben es nur allzu gern auf, wenn es Unangenehmes ist – eine Wahrheit, die man sich nie auszusprechen getraut hat. Ein letzter Versuch, sich mit jemandem zu versöhnen. Und selbst Schönes sagen wir viel zu selten: Ich liebe Dich. Ich danke Dir. Ich bin froh, dass Du in meinem Leben bist. Vielleicht auch: Ich verzeihe Dir.


Als mein Freund starb, hatten wir das unfassbare Glück, dass zwischen uns tatsächlich alles geklärt war. Die letzten Stunden konnte er kaum noch reden, es gab auch nichts mehr zu sagen. Ich hielt seine Hand, das war alles. Es war das Wichtigste: einfach da sein. Hätte ich in diesen 32 unendlich langen Stunden das Gefühl gehabt, dass wir noch etwas Wichtiges zu besprechen haben, wäre ich vielleicht durchgedreht. So war ich zwar benommen, und es schien, als wären wir unter einer großen Glasglocke, und dort war, nachdem er die letzte Reise-Zappeligkeit überwunden hatte, Ruhe. Wir wussten, dass er auf dem Weg woandershin war, und warteten ab, dass es passiert. Und als es passierte, war ich natürlich doch geschockt und gar nicht mehr so gefasst, die Tränen platzten aus mir heraus, die Erschöpfung und Verzweiflung. Trotzdem bin ich für diese stillen Stunden, in denen ich seine Sterben begleiten durfte, sehr, sehr dankbar – sie waren ein letztes großes Geschenk.


Die Amerikaner nennen es “bucket list”: Die Dinge, die man noch tun will, bevor man den Löffel abgibt (“to kick the bucket”) – wir könnten es also “Löffel-Liste” nennen. Ich halte so eine Liste für Quatsch. Entweder ist einem etwas so wichtig, dass man es früher oder später macht, oder es ist eben verzichtbar. Jedenfalls glaube ich nicht, dass ich kurz vor Schluss plötzlich denke: Mist, wäre ich mal nach Australien gefahren! Das ist zwar einer meiner unverwirklichten Träume, aber wenn es ans Sterben geht, dann wird mir der Uluru wahrscheinlich recht egal sein. Dann will ich, dass die Menschen bei mir sind, die ich liebe, und ich werde mich auf den freuen, der mich auf der anderen Seite erwartet. Diese Zuversicht und ja, Vorfreude werde ich hoffentlich nie verlieren.


Mein Liebster hatte nur sehr wenig Zeit von dem Tag, als er wusste, dass er bald sterben würde, bis zu seinem letzten Atemzug. Ob das ein Glück ist oder nicht, muss jede*r für sich selbst entscheiden. Bei Warren Zevon war das damals anders: Der Singer/Songwriter bekam 2002 die Diagnose Lungenkrebs. Vor Schreck fing er nach 17 trockenen Jahren erst mal wieder an zu saufen. Dann beschloss er, auf eine Behandlung zu verzichten, und nahm mit letzter Kraft ein letztes Album auf: “The Wind”. Kollegen wie Bruce Springsteen und Jackson Browne, Tom Petty und Emmylou Harris halfen mit, alles schön und gut, doch die größten Momente gehören Zevon selbst: Wenn er mit seiner angekratzten Stimme von “Dirty Life & Times” singt, wenn er Bob Dylans “Knockin’ On Heaven’s Door” covert, wenn er einem mit “El Amor De Mi Vida” das Herz bricht. Nun ist Zevon der Mann, der auch schon “I’ll Sleep When I’m Dead” getextet, ein Album “Life’ll Kill Ya” genannt und dank seines wilden Lebensstils mehr als einmal am Abgrund gestanden hatte. Der Tod war für ihn also kein Unbekannter, aber zu wissen, dass es jetzt definitiv so weit ist: Das machte selbst den härtesten Zyniker weich. Am Ende singt er – so atemlos, dass es weh tut: “Keep me in your heart for a while.”


Und bis heute haben wir ihn nicht vergessen. Am allerliebsten erinnere ich mich an einen Moment: Im Oktober 2002 war Zevon zu Gast in der “Late Show” von David Letterman. Die beiden waren befreundet, und Zevon schaffte es noch zu scherzen, es sei wohl “ein taktischer Fehler” gewesen, dass er 20 Jahre nicht beim Arzt war. Dann fragte Letterman ihn, ob er etwas gelernt habe angesichts des nahenden Todes – und Zevon antwortete: “Enjoy every sandwich.”


Warren Zevon starb am 7. September 2003, mit 56 Jahren, keine zwei Wochen nach der Veröffentlichung von “The Wind”.