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  • Birgit Fuß

FUSSNOTEN

Sex, Liebe, Leid und das Leben dazwischen: Julian Barnes „Lebensstufen“


"In jungen Jahren teilt sich die Welt, grob gesprochen, in Menschen, die schon Sex hatten, und solche, die noch keinen hatten. Später dann in Menschen, die Liebe erlebt haben, und solche, die das noch nicht haben. Noch später - jedenfalls dann, wenn wir Glück haben (oder auch nicht) - teilt sich die Welt in Menschen, die Leid erfahren haben, und solche, die das nicht haben. Diese Einteilungen sind absolut; es sind Wendekreise, die wir überschreiten." Julian Barnes, inzwischen 75, schrieb das 2013 in "Levels Of Life“. Fünf Jahre zuvor war seine Frau Patricia gestorben, sie waren seit 1979 verheiratet. Natürlich gibt es noch andere Wendekreise im Leben, aber diese drei sind schon so ziemlich die gewaltigsten. Den mit der Liebe, mit der richtig großen, unbedingten, erreichen einige (viele?) Leute gar nicht - dann müssen sie den dritten, zumindest was Trauer angeht, auch nicht ertragen. Die Armen. „Die Trauer ist der Liebe angemessen“: Dieser Satz hat mich durch viele harte Monate nach dem Tod meines Geliebten getragen, und keinen einzigen Moment, nicht mal im allerallerschwärzesten, habe ich mir gewünscht, ich hätte weniger geliebt, um jetzt weniger leiden zu müssen.


Am Anfang ist das Einzige, was einen überleben lässt, die Erinnerung. Nach so einem Verlust kann kaum jemand gleich wieder eine Zukunft sehen, ein Leben ohne den geliebten Menschen. Es wurde einem ja nicht nur die Gegenwart weggezogen, sondern auch die Vorstellung, die man von den kommenden gemeinsamen Jahren hatte. Also hangelt man sich von Tag zu Tag und versucht, eine neue Form der Beziehung zum Gestorbenen aufzubauen, weil er ja körperlich nicht mehr anwesend ist, seelisch allerdings sehr wohl. Was wahrscheinlich nur die ganz verstehen, die alle drei Wendekreise überschritten haben: "Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt." Es gibt viele Passagen in Barnes‘ Buch, bei denen ich laut „so ist es!“ rufen wollte, und er schildert alles in diesem sehr britischen, charmanten Plauderton, der das Gesagte noch härter wirken lässt – hier gibt es keine Übertreibung, nur Tatsachen. Wie zum Beispiel diese: "Ich erinnere mich an den Moment - besser gesagt, das plötzlich auftauchende Argument -, mit dem es weniger wahrscheinlich wurde, dass ich mich umbringen würde. Sofern sie überhaupt lebendig war, sagte ich mir, dann war sie in meiner Erinnerung lebendig."


Ich erinnere mich an den ersten Todestag. Gerade waren Weihnachten und Silvester vorbei, die ersten Jahresend-Feiertage ohne ihn, und dann auch noch das. Ich wollte ihn nicht ein zweites Mal sterben lassen, und gleichzeitig konnte ich den Tag nicht ignorieren. Damals hatte ich noch Angst, dass die leuchtenden Erinnerungen irgendwann verblassen könnten. (Zur Beruhigung für alle, die das ebenfalls befürchten: Tun sie nicht. Auch nach mehr als vier Jahren ist seine Stimme noch in meinem Ohr, würde ich ihn jederzeit erschnuppern können, weiß ich, wie sich seine Haut anfühlt.) Also schlug ich unseren Freund*innen und Bekannten vor, dass wir Erinnerungen sammeln und ein kleines Büchlein zusammenstellen könnten, um dem Tod ein bisschen Leben entgegenzusetzen: So war er, so wird er immer in unseren Herzen sein. Die meisten freuten sich und machten gern mit, eine negative Reaktion gab es allerdings auch: Was dieser „Totenkult“ soll, wurde mir vorgeworfen – und dann das Killer-Argument: „Das hätte er nicht gewollt!“ Mit diesem Satz bin ich selbst sehr, sehr vorsichtig. Manchmal sage ich: „Darüber freut er sich bestimmt“ oder „Da würde er jetzt mit mir schimpfen“, aber nur, wenn ich sehr sicher weiß, dass es so ist, weil die Situation einer, die wir erlebt haben, gleicht. Ich maße mir nicht an, alles über ihn zu wissen. Wir haben 30.000 Nachrichten und einiges mehr ausgetauscht in unserer viel zu kurzen Zeit zusammen, und dennoch ist mir klar, dass niemand jemals einen anderen komplett kennt. Auch das macht das Geheimnis der Liebe aus – wir nähern uns an, so weit es geht, und genießen dieses Verschmelzen und wissen doch, dass ein Teil von uns immer unerreichbar sein wird.


Mein Geliebter hat einmal gesagt, dieser angeblich romantische Satz „Ich kann ohne dich nicht leben“ sei grässlich, eine Zumutung und ein Unterdrucksetzen, viel schöner: „Ich kann ohne dich leben, aber ich will es nicht!“ Darauf haben wir uns geeinigt – damals ahnte ich noch nicht, dass ich demnächst beweisen müsste, dass es stimmt. Nach seinem Tod war ich wohl eine Weile das, was man „lebensmüde“ nennt, weil alles Lebenswerte weg war, doch dann kam irgendwann das, was Barnes eine „unerwartete Brise“ nennt und ich ein kleines Wunder: etwas, das einen wieder in Bewegung setzt. Und plötzlich wusste ich, dass auch nach dem dritten Wendekreis noch eine Menge möglich ist.