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  • Birgit Fuß

FUSSNOTEN

Trennt der Tod uns wirklich? Simone de Beauvoir „Die Zeremonie des Abschieds“ (rororo)

So was gehört zu den Dingen, die mich verrückt machen, auch vier Jahre nach seinem Tod: Ich weiß, dass mein Liebster mir etwas Schönes über „Die Zeremonie des Abschieds“ von Simone de Beauvoir geschrieben hat, aber ich finde es gerade nicht. Ist immer ein bisschen schwierig bei 30.000 Nachrichten. Jedenfalls hielt er es für ein sehr gutes Buch über das Alter und das Sterben, und das stimmt natürlich. Heute irritiert mich allerdings auch manches daran – vor allem ihre Vorstellung, dass der Tod eine endgültige Trennung sei. Körperlich: klar, aber die seelische Verbundenheit bleibt doch, jedenfalls für mich. Bin wohl keine Existentialistin.


Simone de Beauvoir beschreibt in „Die Zeremonie des Abschieds“ die letzten Jahre von Jean-Paul Sartre, mit dem sie fünf Jahrzehnte verbracht hat. Das Lebensmodell der beiden fand ich immer faszinierend: Sie haben nie in einer Wohnung gelebt, sie haben sich alle Freiheiten gelassen, und doch war völlig klar, dass sie zusammengehören. Als Sartre krank wurde, war sie natürlich auch für ihn da – und sie schildert seinen langsamen Verfall so ehrlich, wie es nur möglich ist. Das Schwanken zwischen Hoffnung und Angst, das Fehlen der Leichtigkeit, die einst selbstverständlich war: "So wird man leben müssen, bestenfalls noch mit Momenten des Glücks und der Freude, aber mit der schwebenden Bedrohung: das Leben in Klammern gesetzt."


Sie wundert sich darüber, wie der große Philosoph sich damit abfindet, dass er wegen seiner schlechten Augen nicht mehr lesen und deshalb auch nichts Großes mehr schreiben kann, er sagt: "Wenn man alt ist, muss man bescheiden sein." Das berührt sie, „und gleichzeitig schmerzte mich sein Mangel an Aggressivität, seine Resignation." Sie beobachtet seine Gelassenheit und fragt sich: "Was war das eigentlich für eine Heiterkeit? War es die stolze Einsicht des Klugen? Die Gleichgültigkeit eines alten Mannes? Der Wille, andere nicht zu belasten? Wie kann man das entscheiden? Ich weiß aus Erfahrung, dass solche Gemütszustände nicht definierbar sind. Stolz, Klugheit und Rücksicht auf seine Umgebung verboten es Sartre zu klagen, sogar in seinem tiefsten Inneren. Aber was empfand er wirklich? Niemand hätte das beantworten können, nicht einmal er selbst."


Diese Einsicht hat mich etwas traurig gemacht. Natürlich war Sartre einer der klügsten Menschen überhaupt, aber gehört dazu nicht auch, sich selbst zu kennen? Nicht nur den Kopf, auch das Herz, die Seele? Und wenn es ans Sterben geht, wenigstens zu versuchen, es – über das Greifbare hinaus - zu begreifen? Statt manisch weiterzuarbeiten, weiter das Möglichste zu machen, aber dem Tod nicht ins Auge zu sehen? Oder ist es vermessen, das zu fordern? Das Schweigen über den wahren Zustand: ist es Gnade oder Feigheit? Wer will darüber urteilen? De Beauvoir war klar, dass der Tod unausweichlich vor der Tür stand, die Zeit kam ihr jetzt begrenzt vor. Aus der unbestimmten Angst wurde Hoffnungslosigkeit. Vielleicht, überlegte sie, war die Krankheit für ihn auch ein Ausweg - die einzige Möglichkeit, eine Ruhepause zu bekommen. So gewendet wäre er immer noch der Herr über sein Schicksal, später verwarf sie diese These: "Sartres Verfall und sein Tod waren die Quittung für sein Leben. Und vielleicht hat er sie deshalb so ruhig hingenommen."


Als Sartre ins Krankenhaus kam, war ihr innigster Wunsche, dass er "nichts von seinem Sterben merkt, dass er keine Angst hat, dass er nicht leiden muss!" Das verstehe ich so gut, das wollte ich für meinen Liebsten auch so sehr, und doch ahne ich heute: Das lässt sich nicht verhindern. Sterbende merken, dass sie sterben. Wir können ruhig bei ihnen sitzen, wir können für sie da sein, wir können sie begleiten, aber wir können ihnen dieses Gefühl nicht wegnehmen. Wir können es nur gemeinsam mit ihnen aushalten, mit so viel Gleichmut wie möglich, und uns über die Augenblicke freuen, wenn noch einmal ein bisschen Licht ins Dunkel fällt. Bei meinem Liebsten war das ein „Milky Way“, das ich ihm aus dem Krankenhausautomaten mitbrachte, und an einem anderen Tag die Postkarte eines gemeinsamen Freundes. Sartre sagte zu einem Bekannten, der ihm ein Glas Wasser reichte: "Das nächste Mal, wenn wir zusammen etwas trinken, das wird bei mir zu Hause sein, und zwar Whisky." Gleichzeitig dachte er über die Begräbniskosten nach. Und er sagte Simone de Beauvoir noch einmal, wie sehr er sie liebte, und hielt ihr den Mund zum Küssen hin. "Diese Worte, diese Geste, ungewöhnlich für ihn, wiesen auf seinen nahen Tod hin." Auch das kommt mir sehr bekannt vor.


Bei der Beerdigung war de Beauvoir betäubt von Valium und dachte nur daran, nicht zusammenzubrechen. Sie saß da "mit leerem Kopf" und ließ die Ereignisse vorüberziehen – das geht wahrscheinlich den meisten Trauernden so. Bis hierhin konnte ich alles in diesem Buch so gut verstehen, und obwohl sie die Hinfälligkeit Sartres oft so trocken beschreibt, ist doch jederzeit die große Liebe zu spüren und der Wunsch, dass es dem Geliebten so gut wie eben noch möglich geht. Ihre allerletzten Sätze allerdings, denen möchte ich vehement wiedersprechen: "Sein Tod trennt uns. Mein Tod wird uns nicht wiedervereinen. So ist es nun einmal.“ Das glaube ich wie gesagt gar nicht. Weder, dass die Verbindung gekappt ist, noch dass es kein Wiedersehen gibt. Aber immerhin stellt sie dann noch fest: „Schön ist, dass unsere Leben so lange harmonisch vereint sein konnten." Kein kleiner Trost.