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  • Birgit Fuß

FUSSNOTEN

Gibt es ein Entrinnen? Johannes Mario Simmel „Bis zur bitteren Neige“ (Knaur)

Am 31. Dezember um 7:41 Uhr bat mich mein Liebster, ihm ein Duplo mit ins Krankenhaus zu bringen – und vielleicht noch das: „Der beste Alkoholiker-Roman ist ‚Bis zur bitteren Neige‘ von Simmel, möchte ich mal wieder lesen, kannst Du bitte das Taschenbuch besorgen?“ Es war gerade nirgends erhältlich, also habe ich es auf meinen Kindle geladen und ihm den mitgebracht. Aber im neuen Jahr war er schon zu schwach, um die fast 600 Seiten anzufangen. Er redete auch nicht mehr viel, trotzdem wollte er so gern, dass ich bei ihm bin, weit über die üblichen Besuchszeiten hinaus. „Kannst Du nicht einfach hier sitzen und lesen?“ Also nahm ich den Simmel. Manchmal merkte ich, wie er mich ansah, während ich mich kaum auf die Zeilen konzentrieren konnte, aber es versuchte, weil ich wusste, dass er Blicke nicht mochte, und so krank, wie er war, schon gar nicht, auch wenn mein Blick ja der „look of love“ war, wie er vor Monaten noch gescherzt hatte. Trotzdem wollte ich ihm seine Ruhe lassen, ich spürte, dass er sie braucht. Zum Glück reicht beim Kindle ein Tippen zum Umblättern, so konnte ich nebenbei ständig seine Hand halten. Hin und wieder fragte er, was gerade passiert sei, dann sprachen wir ein paar Sätze, bis er zu erschöpft war und die Augen schloss.


Neun Tage hatten wir von diesem 31. Dezember an noch, bis er starb. Ich bin mit „Bis zur bitteren Neige“ im Krankenhaus nicht fertiggeworden, das habe ich erst später geschafft. Dass mein Liebster Johannes Mario Simmel mochte und ihn stets verteidigt hat gegen die, die seine Bücher für Schundliteratur halten, gehört zu den vielen Dingen, die ich immer an ihm lieben werde. Er hat mir von vielen Romanen erzählte, am liebsten von denen, die in seiner Heimatstadt Hamburg spielten, und oft mochte ich seine Zusammenfassungen noch mehr als die Bücher selbst. Bei „Bis zur bitteren Neige“ kann ich ihm Recht geben: Wie Simmel da den fatalen Lebensweg eines Alkoholikers schildert, ist in seiner Brutalität einzigartig. Peter Jordan, ein ehemaliger Kinderstar, leidet unter seiner Vergangenheit (natürlich Nazi-Deutschland) und schadet auf dem Weg zurück ins Rampenlicht vielen anderen, Ehrgeiz und Skrupellosigkeit machen ihn selbst allerdings am meisten kaputt. Schließlich landet er bei einem Psychiater, vor dem er nichts mehr verbergen kann. Manches, wie die Liebe zu seiner Stieftochter, mag etwas holzschnittartig und arg pathetisch sein, aber den Suchtdruck beschreibt Simmel gnadenlos gut. Und er weiß auch, woher er kommt: „Alle tranken aus dem gleichen Grunde: weil sie nichts sehnlicher wünschten, als zu entrinnen, und doch wussten, dass es kein Entrinnen gab. Von nirgends fort. Nirgendwohin.“


Rom, 14. April 1960. Professor Pontevivo sagte: „Der Alkoholismus ist eine seelische Haltung. Die meisten Menschen unserer Zeit sind unglücklicher, unerlöster und unbefriedigter, als sie selber zugeben, beziehungsweise, als sie selbst wissen. Wie Albert Camus schreibt, leben wir im Jahrhundert der Angst. Mit Alkohol suchen die Menschen ihre Angst zu bannen. Darum leben wir auch im Jahrhundert des Alkoholismus.“ Der Patient Jordan fragt, ob nicht alle Menschen jederzeit Angst gehabt hätten. Der Professor verneint: „Allein in den 25 Jahren zwischen 1922 und 1947 wurden in Europa 70 Millionen Männer, Frauen und Kinder deportiert, entwurzelt, ermordet. Zwei Weltkriege innerhalb eines Vierteljahrhunderts haben wir erlebt, Revolutionen und Konzentrationslager sind nicht mehr zu zählen.“ Natürlich war das eine grausame, einzigartige Zeit. Ob die gesellschaftliche Angst seitdem weniger geworden ist: da bin ich nicht sicher. Bei meinem Liebsten war es eine andere, persönliche Angst, die niemals nachgelassen hat - bis sie in den letzten Tagen überlagert wurde von der Angst vor dem Tod. Und dann war auch diese Angst weg, in den letzten Stunden und nach seinem letzten Atemzug sah er ganz friedlich aus. Vielleicht muss die Neige nicht immer bitter sein, vielleicht kann sie mild sein?


Auf Seite 214 steht bei Simmel dieser Satz: „Das schrecklichste Leben ist immer noch schöner als der schönste Tod.“ Dem kann ich überhaupt nicht zustimmen. Der Tod, so hoffe ich, kann das Entrinnen sein, das manche im Leben nicht finden.



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