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  • Birgit Fuß

FUSSNOTEN

Aktualisiert: 6. Feb.

"Das Begräbnis" (ARD)

Lustige Serien über den Tod sind so eine Sache, jedenfalls für mich. Grundsätzlich möchte ich über das Thema auch gern mal lachen. Es gibt sogar Momente in meiner eigenen Erfahrung damit, über die ich im Nachhinein schmunzeln muss – zumindest in den Monaten, nachdem mein Liebster gestorben war, gab es einige groteske Situationen und Unterhaltungen. Doch „Das letzte Wort“ mit Anke Engelke fand ich etwas zu grell und unglaubwürdig, während ich Ricky Gervais‘ „After Life“ gleich gar nicht angucken konnte, weil mir die erste Folge zu heftig war. Ich habe nie verstanden, warum Leute „Six Feet Under“ so amüsant fanden, und „Pushing Daisies“ ging mir auch schnell auf den Geist. Und nun bin ich vor kurzem in der ARD-Mediathek über eine Serie gestolpert, die nur ein bisschen lustig ist, ziemlich oft genau auf den Punkt und insgesamt einfach sehr unterhaltsam.


In „Das Begräbnis“ spielen einige der bekanntesten deutschen Schauspieler*innen mit: Charly Hübner, Anja Kling, Claudia Michelsen, Devid Striesow – und alle haben ganz große Momente. In sechs Folgen wird eigentlich immer wieder derselbe Tag erzählt, nur aus unterschiedlichen Perspektiven - ein Kunstgriff, den wir von „The Affair“ kennen, nur dass er hier auf eine angenehm unaufdringliche Art angewendet wird. Nach und nach lernen wir die Leute kennen, die ihren Ehemann, Vater, Opa, Freund zu Grabe tragen. Weil der Gestorbene ein langes Leben mit zwei Familien, einem Sanitärbetrieb und etlichen Geheimnisse hatte, gibt es einiges Konfliktpotenzial, besonders nachdem das Testament verlesen wurde. Manchmal ist das alles schrecklich realistisch, manchmal kippt es ins leicht Groteske - was in der Konstellation, an so einem Tag allzu glaubhaft ist.


In „Das Begräbnis“ wird erfrischend unpathetisch gezeigt, wie in solch einem Moment alte Verletzungen an die Oberfläche kommen, wie alle sich anders erinnern und sich darüber zerstreiten. Der Verlust verursacht bei jedem unterschiedliche Gefühle, alle stehen unter Schock, und im Chaos dieser Ausnahmesituation gelingt es kaum jemandem, ruhig zu bleiben. Das gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen, die auch ich nach dem Tod meines Liebsten gemacht habe – und ich hoffe, ich habe einiges daraus gelernt.


Zum Beispiel, dass die, die um das Grab stehen, gar nicht um den selben Menschen trauern, sondern um ihre Version von diesem Menschen. Die einen kannten ihn seit Jahrzehnten, die anderen nur von der Arbeit, manche hatten ihn lange nicht gesehen, andere kommunizierten ständig mit ihm, alle hatten eine andere Vorstellung von ihm als ich. Natürlich erkannte ich ihn in den Trauerreden, zumindest einige Aspekte, natürlich wusste ich viele Geschichten. Und doch saß ich oft da und dachte: Hm, der Mann, um den ich trauere, ist ein ganz anderer! Und das war er ja auch: Er war mein Liebster – so, wie ich ihn kannte, kannte ihn sonst niemand. Und das gilt mehr oder weniger für alle anderen genauso. Wir sehen nie den selben Menschen, weil wir alle mit anderen Augen auf ihn schauen.


Zum Beispiel, dass es oft gar nichts bringt, den anderen die eigene Version aufdrücken oder auch nur erklären zu wollen. So gern hätte ich manchen Leuten in seinem näheren Umfeld erzählt, wie unser gemeinsames Jahr war, wie viel Freude und Hoffnung wir hatten, wie unfassbar und unglaublich unsere Liebe war – nur wollten das einige überhaupt nicht hören. Ich habe das damals nicht verstanden, weil ich dachte: Ist doch schön, dass er noch so ein wunderbares Finale hatte, bevor er sterben musste – aber es war ja nur unser Finale, niemand sonst war dabei. Und nur sehr wenige (die es zum Glück auch gibt!) können sich für andere freuen, wenn sie nichts davon haben.


Zum Beispiel, dass jede*r seinen Schmerz anders ausdrückt – und ja auch alle unterschiedlichen Kummer haben. Wenn mir das bewusst gewesen wäre, hätte ich vielleicht mehr Verständnis gehabt für seine Tochter und für seine Ex-Freundinnen, die teilweise viel impulsiver waren als ich und mit ihren eigenen Enttäuschungen kämpften. Eigentlich klar, dass sie mich nicht mochten, weil ich ihm in den letzten Tagen am nächsten war – und er das auch genau so unbedingt wollte. Und weil ich jetzt eben nie die Ex-Freundin sein würde, sondern die eine, bei der er bleibt. (So bizarr das klingt.)


Zum Beispiel, dass es sinnlos ist, auf Aggressionen mit Gegenaggressionen zu antworten – oder vielleicht sogar: überhaupt zu reagieren. Ich wünschte, ich hätte damals nicht bei jeder feindseligen SMS sofort das Gefühl gehabt, mich rechtfertigen zu müssen. Dann hätte ich mich noch besser auf das Wesentliche konzentrieren können – meine Liebe zu ihm, meine Trauer und wie ich mit all dem umgehe. Die Streitereien im Umfeld haben lange nur abgelenkt, ohne etwas zur Heilung beizutragen.


Zum Beispiel, dass es manchmal keine Lösung gibt und nur Abstand hilft – so schwer das zu akzeptieren ist. Noch heute, fünf Jahre nach seinem Tod, bedauere ich, dass ich zu manchen Menschen, die ihm wichtig waren, keinen Kontakt mehr habe. Ich weiß allerdings auch, dass es einfach nicht möglich war, unsere Bilder von ihm in Einklang zu bringen. Was er im Leben nicht klären konnte, haben wir nach seinem Tod auch nicht klären können. Das ist eben so, und dann ist es besser, den Frieden zu wahren, als sich immer wieder sinnlos aufzureiben.


„Das Begräbnis“ endet viel versöhnlicher, mir persönlich scheint das etwas zu gewollt - aber andererseits glaube ich auch fest an Wunder.

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