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  • Birgit Fuß

FUSSNOTEN

Mark Oliver Everett: „Things The Grandchildren Should Know“ (Abacus)


Ob das denn noch normal sei, fragte mich neulich eine Freundin, dass sie mehr als ein Jahr nach seinem Tod manchmal so schlimme Traueranfälle hat. Ich hoffe, ich konnte sie ein bisschen beruhigen, indem ich ihr versicherte, dass sie bestimmt kein pathologischer Fall sei. Leider interpretieren viele das berühmte „Trauerjahr“ so, dass danach alles besser, einfacher, vielleicht sogar vorbei sein müsste. Chefs erwarten, dass man spätestens dann wieder voll funktioniert. Bekannte finden, jetzt ist aber mal gut mit der Trübseligkeit. Trauernde dagegen wissen: Ein Jahr – das ist nichts. Zwölf Monate, 365 Tage – was soll das sein gegen die Tatsache, dass wir unsere geliebten Menschen für immer verloren haben? Deshalb sage ich, wenn mir jemand blöd kommt und leicht herablassend fragt, ob ich „immer noch trauere“, gern: „Klar, er ist ja leider auch immer noch tot!“


Ein Mann, der viel über den Tod weiß, ist Mark Oliver Everett, meistens nur E genannt, Sänger der Rockband Eels. 2008 erschien sein Buch „Things The Grandchildren Should Know“ (Abacus), in dem er neben vielen interessanten Anekdoten aus dem Musikgeschäft und von verrückten Frauen vor allem seine Familiengeschichte erzählt. Zu dem Zeitpunkt hatte E gar keine Familie mehr. Sein Vater war gestorben (Herzinfarkt), seine ältere Schwester (Suizid) und seine Mutter (Krebs). Er beschreibt all die Verluste und was sie angerichtet haben, so ehrlich, dass es nicht einfach zu ertragen ist – und doch gerade deshalb so heilsam. Denn E hat überlebt, und er weiß, dass das nichts Selbstverständliches ist. Am Ende schreibt er, dass es langsam besser werde, die Trauer nicht mehr so überwältigend und das Leben voller Überraschungen sei – es lohnt sich also, nicht nachzusterben. Diese Erkenntnis ist wichtiger als alles andere. Und er zweifelt seine eigene Überzeugung, dass es nach dem Tod nicht weitergeht, ein bisschen an: „If I’m such a non-believer, why do I keep catching myself sitting on the back porch with my head tilted towards the night sky, talking to Liz and my mom and dad?“ Sie sind immer noch bei ihm – und viel zu weit weg.


Die Trauer hört nicht auf. Soll das beruhigend sein? Wenn wir es so sehen, schon: Die Trauer ist der Liebe angemessen, und wo große Liebe ist, bleibt immer auch große Trauer über die Lücke, die jetzt in unserem Leben ist. Was gleichzeitig zum Glück ebenso stimmt: Es wird leichter. Leichter auszuhalten, weil wir nicht mehr so überrascht werden von Trauerwellen, wenn wir sie ein paarmal erlebt haben. Leichter zu bewältigen, weil wir wissen, dass wir sie schon so viel überstanden haben und das auch diesmal schaffen werden. Leichter zu integrieren, weil wir nicht mehr so dagegen ankämpfen. Irgendwann gehört die Trauer einfach dazu, sie läuft mit, sie bestimmt nicht mehr das ganze Leben. Und interessanterweise wird die Liebe zum Gestorbenen dadurch gar nicht geringer, da verblasst nichts, im Gegenteil. Wenn der tonnenschwere Trauerschleier sich langsam lüftet, ist noch mehr Platz für die Liebe – für die schönen Erinnerungen, für die Dankbarkeit.


Was „normal“ ist und was nicht: Es steht niemandem zu, das zu beurteilen. Wenn einem der Tod die große Liebe wegreißt, ist es schon ein Triumph, das überhaupt zu überleben. Alles weitere ist Verhandlungssache mit sich selbst: Wie viel Platz lasse ich der Trauer, wie sehr will ich mich damit auseinandersetzen, in welche Richtung gehe ich weiter? Solange wir nicht ewig in dem dunklen Loch, das der Verlust gerissen hat, sitzen bleiben, gibt es keine „falsche“ Trauer, nur unterschiedliche Arten. Es mag manchen Menschen komisch vorkommen, aber ich denke immer noch jeden Tag an meinen Liebsten, und nicht nur einmal. Und hin und wieder habe auch ich, nach mehr als fünf Jahren, einen dieser Traueranfälle, die einen plötzlich, ohne Vorwarnung ereilen.


Gestern habe ich bizarr lange darüber nachgedacht, ob ich den kaputten Regenschirm, den ich noch von ihm hatte, wegwerfen soll. Ich weiß, dass eine seiner Lieblingsmaximen „Das Herz nicht an Dingen hängen!“ war. Ich weiß, dass er sagt: Natürlich, weg damit! War sowieso nur ein Werbegeschenk. Und doch: es war seins. Irgendwann habe ich mich überwunden und den Schirm in den Mülleimer gesteckt. Eine Runde geweint, weil er diesen Schirm nicht mehr braucht, obwohl ich ihn so gern durch den Regen gehen sehen würde, auf mich zu natürlich. Dann tief durchgeatmet, den Müll vorsichtshalber gleich runtergebracht, bevor ich es mir wieder anders überlege, und gewusst: Solche greifbaren Dinge sind halt nicht unwichtig – deshalb habe ich ja noch seine Mütze (die immer noch nach ihm riecht), einige seiner Bücher, anderen Kleinkram, der mich zum Lächeln bringt. Diese Sachen tun mir gut. Wir dürfen sie nur nicht verwechseln mit dem, was wirklich bleibt.

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